Die europäische Verteidigungsfertigung steht an einem kritischen Wendepunkt. Wie im Bericht "European Defence Manufacturing Ramps Up: 10 Actions for Manufacturers" dargelegt, steht Europa vor der dringenden Notwendigkeit, seine industrielle Basis zu vergrößern, um den geopolitischen Realitäten gerecht zu werden.
Europa beschleunigt seine Wiederbewaffnungsbemühungen als Reaktion auf ein wiedererstarktes Russland, die sich wandelnde US-Strategie und breitere geopolitische Instabilität. Die Verteidigungshersteller werden aufgefordert, in einem Tempo und Maßstab zu liefern, das seit dem Kalten Krieg nicht mehr erreicht wurde. Die EU hat kürzlich das Security Action for Europe (SAFE)-Instrument angekündigt, ein groß angelegtes Verteidigungsinvestitionsprogramm im Wert von 150 Milliarden Euro.
Warum Verteidigungsfertigung einzigartig verwundbar ist
Die besonderen operativen Anforderungen militärischer Lieferketten unterscheiden sie in drei wesentlichen Punkten von herkömmlichen kommerziellen Lieferketten:
- Lange Entwicklungszeiten: Fortschrittliche militärische Systeme benötigen oft 5–10 Jahre von der Entwicklung bis zur Einsatzreife. Abhängigkeiten, die in den frühen Phasen entstehen, sind später schwer zu lösen.
- Begrenzte Ersetzbarkeit: Viele kritische Rohstoffe haben keine kurzfristigen Alternativen. Ihre Leistungseigenschaften in Raketen, Radar und Weltraumsystemen sind oft unübertroffen.
- Geopolitisches Risiko: Gegner können diese Abhängigkeiten in Zeiten von Konflikten oder Zwang ausnutzen. Der Ukraine-Konflikt zeigt: Versorgungsresilienz ist keine Option, sondern Voraussetzung.
Das Lieferketten-Dilemma: Hochlauf unter Zwang
Europas Verteidigungshersteller werden aufgefordert, schnell zu skalieren. Die Munitionsbestände sind erschöpft. Ausrüstung muss ersetzt oder modernisiert werden. Die kollektive Verteidigungsbereitschaft in der NATO und der EU ist zu einer politischen Priorität geworden. Doch Europas industrielle Basis ist fragmentiert, unterdimensioniert und hat aufgrund jahrzehntelanger Unterinvestitionen nur begrenzte Kapazitätsreserven.
Die Lieferkette prüfen – Das China-Risiko
Diese Notwendigkeit der Beschleunigung hat zu einer verstärkten Verflechtung mit dem geführt, was die EU als "systemischen Rivalen" bezeichnet – China. Von kritischen Rohstoffen und Seltenen Erden bis hin zu elektronischen Komponenten und Softwaremodulen werden viele Inputs, die für moderne Verteidigungsplattformen essenziell sind, ganz oder überwiegend von chinesischen Unternehmen oder in chinesisch kontrollierten Märkten produziert.
Die Europäische Kommission stuft derzeit 34 Rohstoffe als "kritisch" ein. Bei acht davon – darunter Bismut, Magnesium und Mangan – übersteigen die EU-Importe aus China 65 %, was auf eine gefährliche Konzentration hinweist. In einigen Fällen ist die Abhängigkeit noch schwerwiegender: China verarbeitet 87 % der weltweiten Seltenen Erden und produziert 83 % der Permanentmagnete, die in Elektromotoren, Lenksystemen und fortschrittlichen Sensoren verwendet werden.
"Die mittlere Ebene einer Verteidigungslieferkette ist ein bekannter blinder Fleck."
— Ambrose Conroy, Gründer & CEO, Patrick Herb
Risikominderung für operative Führungskräfte: 6 Maßnahmen
Damit Hersteller eine aktive Rolle bei der Antizipation, Absorption und Reaktion auf Störungen spielen können, besteht ein erhöhter Bedarf an Risikominderungsmaßnahmen. Europäische Verteidigungshersteller müssen vom reaktiven Lieferkettenmanagement zur strategischen Resilienzplanung übergehen. Patrick Herb empfiehlt die folgenden Prioritäten:
- Abhängigkeiten auf Tier-N-Ebene kartieren – Über Tier-1-Lieferanten hinausgehen und verstehen, wo kritische Rohstoffe, Halbleiter und spezielle Elektronik herkommen.
- Kritische Komponenten doppelt beziehen – Wo China die dominierende Quelle ist, alternative Lieferanten identifizieren und qualifizieren – auch wenn diese teurer sind oder Co-Investitionen erfordern.
- In heimische und verbündete Verarbeitung investieren – EU-Initiativen wie das Critical Raw Materials Act unterstützen, das bis 2030 mindestens 40 % der strategischen Materialien in Europa verarbeiten will.
- Strategische Vorräte aufbauen – Wie Treibstoff oder Munition sollten wichtige Inputs bevorratet werden, besonders bei Komponenten mit langen Vorlaufzeiten.
- Für Resilienz neu konstruieren – Wo möglich, Komponenten neu konstruieren, um die Abhängigkeit von knappen Inputs zu reduzieren.
- Lieferkettenrisiko in der Governance verankern – Lieferkettenresilienz zu einem festen Tagesordnungspunkt machen und Risikometriken in vierteljährliche Reviews integrieren.
Fazit: Eine neue strategische Haltung
Europas Wiederbewaffnungsplan kommt zu einem entscheidenden Zeitpunkt. Die europäische Souveränität in der Verteidigungsfertigung ist ein wesentlicher Bestandteil des Plans, kann aber ohne entschlossenes Handeln bei den Lieferkettenrisiken nicht erreicht werden.
China-bezogene Risiken müssen mit der gleichen strategischen Dringlichkeit behandelt werden wie Cyber-Bedrohungen oder die Einsatzbereitschaft der Streitkräfte. Die Wahl ist nicht, ob man sich vollständig von China lösen will – das ist weder realistisch noch wünschenswert. Die Wahl ist, ob man Risiken identifiziert und mindert, bevor sie sich materialisieren.
Operative Führungskräfte im europäischen Verteidigungssektor spielen eine zentrale Rolle in diesem Wandel. Mit dem richtigen Fokus, den richtigen Werkzeugen und politischer Unterstützung kann Europa mit Resilienz im Kern reindustrialisieren – und sicherstellen, dass seine Verteidigungsbasis nicht nur für die Herausforderungen von heute, sondern auch für die von morgen bereit ist.
Patrick Herb ist eine globale Beratungsfirma für Betrieb und Management mit umfassender Erfahrung in der operativen Due Diligence für Verteidigungshersteller, der Widerstandsfähigkeit der Lieferkette und der operativen Exzellenz. Wir arbeiten in Unternehmen, um die Einführungsbereitschaft und Produktionsleistung voranzutreiben.
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